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Im Gespräch: Architektur

Bildquelle: Kohlhammer

Im Gespräch: Architektur

Mit Prof. Christine Nickl-Weller, TU Berlin, Institut für Architektur, Architecture for Health

Demografische Veränderungen, medizinischer Fortschritt, Strukturwandel: Wie muss ein zukunftsfähiges Krankenhaus gebaut sein?

Das zukunftsfähige Krankenhaus ist flexibel, patienten- und mitarbeiterfreundlich und vernetzt. Nicht alle dieser Kriterien können von der Architektur beeinflusst werden, doch als Architekt sollte man sich ihrer bewusst sein. Das starre Gefüge des streng in Hoheitsgebiete einzelner Chefärzte aufgeteilten Krankenhauses ist veraltet. Heute wird in Krankenhäusern zunehmend transdisziplinär und in Kompetenzzentren gearbeitet. Was bedeutet das für die Architektur? Es bedeutet, dass bereits im Entwurf des Gebäuderasters und der konstruktiven Struktur zukünftige Veränderungen in der Raumaufteilung eingeplant werden müssen. Haustechnik, Medizintechnik und Rohbau müssen derart voneinander entkoppelt sein, dass flexible Anpassung an den rasanten medizinischen Fortschritt ohne größere Eingriffe in die Gebäudestruktur möglich ist. Natürlich gibt es auch ganz konkrete Veränderungen in den Funktionsverteilungen der Krankenhäuser. Die Anzahl der stationären Betten schrumpft, auf der anderen Seite wachsen die Abteilungen für bildgebende Verfahren und es werden neue geriatrische Spezialabteilungen eingerichtet. Vor allem jedoch müssen sich Krankenhäuser patienten- und mitarbeiterfreundlicher ausrichten. Psycho-soziale Aspekte wurden bei der Gestaltung lange Zeit zugunsten von Effizienz und Wirtschaftlichkeit vernachlässigt. Als Arbeitsplatz wie auch als Gesundheitsversorger muss ein Umdenken von der funktionalen Maschine hin zu mehr Menschenfreundlichkeit stattfinden.

Hat anspruchsvolle Krankenhausarchitektur denn eine Zukunft – angesichts der Investitionsmisere der Kliniken?

Gerade angesichts des gesteigerten Wettbewerbs unter den einzelnen Häusern ist gute Architektur – eine angenehme Umgebung für Patienten und Mitarbeiter – entscheidend. Sie vermittelt Vertrauen und Wertschätzung, wohingegen veraltete und öde Bauten Misstrauen erwecken, egal wie gut die medizinische Versorgung ist.

Welche Rolle spielt die Architektur für die Versorgung der Patienten? Gibt es evidente Auswirkungen auf den Heilungsprozess?

Es gibt eine wachsende Anzahl wissenschaftlich fundierter Studien, die einzelne Aspekte, etwa Zugang zur Natur, Lichtverhältnisse im Bettenzimmer und Raumaufteilung untersuchen. Diese Studien können belegen, dass die gebaute Umgebung Auswirkungen auf die Genesung – beispielsweise Schmerzempfinden oder Schlafverhalten – aber auch Effizienz und Leistung des Personals haben kann. Dennoch ist es extrem schwierig, aus der Masse der einzelnen Erkenntnisse eine Art Leitfaden im Krankenhausbau zu generieren. Letztlich sind zu viele Faktoren, wie zu Beispiel Standort, Art der Krankheitsbilder, Arbeitsprozesse, wirtschaftliche Zwänge usw., variabel, als dass man Regeln für ein „Idealkrankenhaus“ festlegen könnte. Daher kann immer nur in einem sehr intensiven gemeinsamen Dialog zwischen Betreibern, Personal und Architekten die jeweils optimale Lösung für ein Haus gefunden werden.

Welche Rolle spielen Hygieneanforderungen für die Krankenhausarchitektur?

Ein besorgniserregender Trend ist die Zunahme von nosokomialen Infektionen. Eine besondere Herausforderung für die Krankenhausarchitektur stellt daher die Eindämmung der Infektionsgefahr dar. Die Einbindung der Hygieneplanung in den Entwurfsprozess sollte so früh wie möglich stattfinden. Die bauliche Infrastruktur und Ansteckungsgefahr mit krankenhausspezifischen Keimen stehen im direkten Zusammenhang. Verallgemeinernd kann man sagen, dass die Hygiene im Krankenhausbau einerseits durch Vermeidung von Kontakt verbessert werden kann, etwa durch Einzelzimmer statt Mehrbettzimmer oder mehr bzw. separate Bewegungsflächen für Patienten und Personal, und andererseits durch effizientere Gestaltung von Funktionsabläufen, was ebenfalls durch die Grundrissplanung beeinflusst wird.

Sie fordern in Ihren „zehn Thesen“ Zwischenräume neben den funktionalen Teilen der Klinik. Was genau bedeutet dies?

Werfen Sie einmal einen Blick in die Kinderstation eines durchschnittlichen deutschen Krankenhauses. Dort finden Sie die Bettenzimmer, in denen man den Bettnachbarn nicht stören darf, den Flur – ein steriler Gang – von den Wagen der Gebäudereinigung und der Teeküche versperrt und wenn Sie Glück haben, finden Sie irgendwo ein Spielzimmer am Ende des Ganges, welches aber meistens abgesperrt ist. In dieser Umgebung sollen sich nun Eltern und Kinder womöglich tagelang aufhalten und wohlfühlen. Die Zwischenräume, welche wir – nicht nur für Kinderkrankenhäuser – fordern, sind Räume, an denen man sich gerne aufhalten möchte. Keine zusätzlichen Wartezimmer, sondern Bereiche, die sich aus dem Wegenetz des Krankenhauses ergeben und die mehrere Funktionen übernehmen können: Zusammentreffen von Arzt und Patient, Aufenthalt allein oder mit der Familie, Ablenkung und Entspannung.

Welche Rolle spielen Kliniken in ihrer städtischen – oder ländlichen – Umgebung, und welche baulichen Konsequenzen hat dies?

Krankenhäuser in ländlichen Umgebungen profitieren natürlich von der Möglichkeit, Patienten und Personal Zugang zur Natur zu verschaffen. Das ist nicht bei allen städtischen Häusern gegeben und muss entsprechend über Dachterrassen und Höfe kompensiert werden. Städtische Krankenhäuser hingegen haben den Vorteil, Patienten nicht vom öffentlichen Leben abzuschotten. Die Chance, die Erdgeschosse zum städtischen Leben hin zu öffnen, sollte daher nicht verpasst werden. Das Krankenhaus wird dann ein Teil des urbanen Lebens.

Welche Chancen sehen Sie für die Umnutzung alter Klinikbauten?

Da nur ein sehr geringer Prozentsatz aller Krankenhaus-Baumaßnahmen in Deutschland Neubauten betreffen, sind die Chancen anscheinend gut. Natürlich muss Fall für Fall abgewogen werden. Beim Universitätsklinikum Frankfurt, welches wir zwischen 2000 und 2014 erweitert und saniert haben, konnten wir zum Beispiel gut auf dem vorhandenen Grundraster aufbauen. Das Problem vieler deutscher Krankenhäuser, die zu einem großen Anteil noch aus den 50er bis 70er-Jahren stammen, sind die unkoordinierten und stückhaften Anbauten und Erweiterungen der letzten Jahrzehnte. Da können dann manchmal nur noch der Kahlschlag und der Ersatz durch einen Neubau helfen.