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Familienzeit und Wiedereinstieg im klinischen Alltag

Bildquelle: Kohlhammer

Familienzeit und Wiedereinstieg im klinischen Alltag

Elternzeit, Pflege und Wiedereinstieg sind in Zeiten des Fachkräftemangels Themen, die nicht nur die Betroffenen selbst beschäftigen. Auch Personalverantwortliche und Geschäftsführungen setzen einen immer stärkeren Fokus darauf.

Und das sollten sie mit Blick auf das Personalmarketing auch im Krankenhaus tun: Das IW Köln hat im Auftrag des Bundesfamilienministeriums kürzlich den „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2016“ herausgegeben.

Ein zentrales Ergebnis lautete, dass Personalverantwortliche noch immer die Bedeutung familienfreundlicher Angebote für Beschäftigte unterschätzen. Nur 43 % glauben, dass dies für Personen ohne akute Betreuungspflichten nicht wichtig ist, während 81 % der Beschäftigten dies als wichtig erachten.

„Zufrieden können nur solche Beschäftigte sein, die das Angebot kennen und für die es Sinn macht. Ein Angebot nützt nichts, wenn es an den Bedarfen der Beschäftigten vorbeigeht“, meint Dr. Marion Friers, Geschäftsführerin der Frankfurter Rotkreuz-Kliniken für die Bereiche Personal, Pflege und Kommunikation.

Ausschlaggebend hierbei ist die passende interne Kommunikation über solch emotionale und persönliche Themen wie Eltern- und Pflegezeit, Familienplanung und Wiedereinstieg.

Die Frankfurter Rotkreuz-Kliniken führen deshalb alle zwei Jahre eine Beschäftigtenbefragung durch. Bei der jüngsten Befragung kam so heraus, dass sich 34 % aller Beschäftigten an der Pflege naher Angehörigen beteiligen würden, wenn der Pflegefall eintritt. Fast 46 % der teilnehmenden Mitarbeiter und Mitglieder haben Interesse an einer Beratung rund um die Pflege geäußert.

Die Frankfurter Rotkreuz-Kliniken haben dieses Abfrageergebnis ernst genommen. „Da die Kliniken die familienbewusste Personalpolitik ausbauen und seit der Zertifizierung durch das ,audit berufundfamilie‘ im Jahr 2013 ihre Maßnahmen stetig intensivieren, haben wir das ,Familienbüro‘ 2015 ins Leben gerufen. Hier finden die Mitarbeiter Beratung und Unterstützung bei allen Fragen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Beruf und Pflege“, erklärt Friers. Nach Wunsch werden Beschäftigte auch im Dialog mit ihren Führungskräften begleitet.

Anna Baumgart ist Referentin im Familienbüro und gleichzeitig Ansprechpartnerin für interne Kommunikation der Klinik. „Unser Kontakthalteprogramm involviert das Familienbüro, die jeweilige Führungskraft und die Personalabteilung“, so Baumgart. Wenn jemand Familienpflegezeit in Anspruch nehmen möchte, informiert die Personalabteilung die Kollegin oder den Kollegen zunächst mit allen Informationen rund um Fristen und gesetzliche Regelungen zur Familienpflegezeit. Das Familienbüro liefert zusätzlich Informationen über die hausinternen Angebote und Unterstützungsleistungen sowie externe Ansprechpartner.

Nicht zuletzt steht auch der hauseigene Sozialdienst jedem Mitarbeiter zur Verfügung, wenn zum Beispiel akut eine kurzzeitige Pflege des Angehörigen organisiert werden muss.

Seit 2015 kooperieren die Frankfurter Rotkreuz-Kliniken zusätzlich mit Care.com. Der Familienservice bietet den Beschäftigten u. a. eine Notfallbetreuung für Kinder, Pflegeberatung und eine anonyme Sozialberatung für Notfall- und Krisensituationen an. In einem zweiten Schritt gibt es ein Gespräch mit der Personalabteilung und der Führungskraft bezüglich Pflegezeitdauer und Kontakthalteprogramm. Kernstück sind ein regelmäßiger Informationsfluss mit Geburtstagskarten, Einladungen zu Teamevents, das regelmäßige Zusenden des Mitarbeitermagazins und ein Rückkehrgespräch. „Parallel hierzu haben wir auch ein Kontakthalteprogramm während der Elternzeit initiiert. Dieses umfasst auch ein Begrüßungsgeschenk bei Geburt oder eine Einladung zum Kinderfest“, so Baumgart. Der Wiedereinstieg nach Eltern- oder Pflegezeit wird gemeinsam mit der Führungskraft gestaltet, wobei die Arbeitszeiten jeweils dezentral auf den Stationen im Team definiert werden.

Es ist beispielsweise auch möglich, dass ein Elternteil zur Einarbeitung zunächst in Vollzeit zurückkehrt, während der Partner oder die Partnerin auf den Nachwuchs aufpasst. Nach der Einarbeitungsphase wird dann zu einem Teilzeitmodell gewechselt, das sowohl für den Mitarbeiter wie auch für die Kliniken umsetzbar ist.

Der Schwerpunkt von Anna Baumgarts Beratungsfällen liegt jedoch im Bereich Pflege. Sie machen ca. 70 % ihrer Tätigkeit aus, Elternzeit schlägt mit lediglich 26 % zu Buche. „Pflege ist mit großen Sorgen und Ängsten verbunden, da braucht es auch im klinischen Alltag viel Zeit zum Gespräch“, erklärt Baumgart. Gründe sind leicht zu erahnen: Denn Pflege ist ein viel sensibleres Thema.

Wie lange eine Pflegezeit andauert, weiß niemand. Wann ein Kind in die Kita geht, ist hingegen planbar. Sensibilität für diese Themen ist vor allem von den Führungskräften gefragt.

Das bestätigt auch der eingangs erwähnte „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2016“. Führung ist demnach der entscheidende Erfolgsfaktor für eine gelebte familienfreundliche Unternehmenskultur. So steigt der Anteil der unzufriedenen Beschäftigten von knapp 5 % auf 27 %, wenn die Führungskraft die Inanspruchnahme familienfreundlicher Maßnahmen nicht unterstützt.

Häuser wie die Frankfurter Rotkreuz-Kliniken setzen deshalb auf dezidierte Führungskräfteentwicklung mit einem besonderen Fokus auf Vereinbarkeitsfragen und betriebliches Gesundheitsmanagement.

„Je freier und gesünder unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten können, umso freier und besser können sie sich an Patientinnen und Patienten richten“, meint Geschäftsführerin Friers hierzu. Zusätzlich gibt es für die Führungskräfte ein festes Teambudget für außerbetriebliche Aktivitäten. Flexible Arbeitszeiten nach Betriebsvereinbarung mit der Möglichkeit bis zu 80 Plus- und Minusstunden sowie Vertrauensarbeitszeit stehen allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Verfügung. Die Frankfurter Rotkreuz-Kliniken setzen ganz besonders auf Flexibilität: Immerhin arbeiten 63 % aller Beschäftigten in Teilzeitmodellen mit einem Stellenanteil von 10 bis 90 %. Das Besondere daran: Alle zwei bis drei Monate kann sich jeder Betriebsangehörige entscheiden, welchen Stellenanteil er in den kommenden Monaten arbeiten möchte.

Die Frankfurter Rotkreuz-Kliniken setzen dabei auf kollegiale Regelungen im Team. „Es kam noch nie vor, dass eine Station unterbesetzt war“, so Friers.

Die Kliniken sind Mitglied im kostenfreien Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“, Deutschlands größtem Netzwerk zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit über 6 300 Betrieben. Als gemeinsame Initiative des Bundesfamilienministeriums und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages setzt es sich dafür ein, dass Familienfreundlichkeit zum Markenzeichen der deutschen Wirtschaft wird.

Die Frankfurter Rotkreuz-Kliniken profitieren von einem umfassenden Beratungs- und Informationsangebot zu Themen wie interner Kommunikation, Personalmarketing und mobilem Arbeiten.

Beim Unternehmenswettbewerb „Erfolgsfaktor Familie“ war das Haus im Sommer 2016 Endrundenteilnehmer.

„Für uns ist die Sichtbarkeit für unsere Themen essenziell. In Zeiten des Fachkräftemangels müssen wir mit Vereinbarkeitsfragen punkten“, erklärt Geschäftsführerin Friers abschließend.

Nähere Informationen unter:

https://www.rotkreuzkliniken.de/familienservice.html

www.erfolgsfaktor-familie.de

Katrin Frank, Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“, 10178 Berlin