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Logistik: Im Gespräch

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Logistik: Im Gespräch

mit Dr. Thomas Beushausen, Ärztlicher Direktor des Kinder- und Jugendkrankenhauses Auf der Bult, Hannover und Vorstand der Stiftung Hannoversche Kinderheilanstalt

Was ist „NetLog“ und wie kam es zu diesem Projekt?

Schon 1996 entstand die Idee, den Lieferverkehr für die Krankenhäuser in Hannover zusammenlegen. Das Projekt passte sehr gut zum zentralen Thema der Expo 2000 in Hannover: „Nachhaltigkeit“. Also haben wir unser Vorhaben als Expo-Projekt ins Rennen gebracht – mit Erfolg. Wir bekamen zunächst Mittel für eine Machbarkeitsstudie und konnten 1999 den Probebetrieb aufnehmen. Im Jahr der Expo haben wir das Logistik-Projekt europaweit ausgeschrieben und mit dem Echtbetrieb begonnen. Gewonnen hat Rhenus Logistics, ein Unternehmen, das bis dahin als Schüttguttransporter vor allem Erfahrung mit Kies und Baustoffen hatte, nicht mit Medikalprodukten. Es hat funktioniert: NetLog gehört zu den wenigen bis heute erfolgreichen Expo-Projekten.

Eine aktuelle Studie hat die Wirksamkeit von NetLog untersucht. Mit welchem Ergebnis?

Die Studie hat die hohe Wirksamkeit des Projekts bestätigt. Allein in den letzten zehn Jahren sind durch NetLog die Straßen Hannovers um über 3,5 Millionen Kilometer entlastet worden. Das bedeutet über 300 000 Kilometer weniger Transporte in einem Radius von 30 Kilometern um Hannover und eine Einsparung von rund 40 000 Liter Dieselkraftstoff pro Jahr. Der Reduzierungseffekt durch das Projekt beim Kraftstoffverbrauch und Schadstoffausstoß lag 2018 bei über 50 %.

Welche positiven Effekte gibt es über die Einsparungen der Transportkilometer hinaus in den Kliniken?

Die beteiligten Kliniken müssen zunächst natürlich deutlich weniger Lagerkapazitäten vorhalten.

Die Evaluationsstudie hat das Projekt auf Wirtschaftlichkeit und ökologische Aspekte untersucht. Wirtschaftlichkeit bekommen wir nicht so gut zu fassen wie Ökologie. Die Studie ergab, dass bei den beteiligten Häusern die Kostensteigerung für Medikalprodukte 30 % niedriger ist als im Bundesdurchschnitt. Das kann aber auch einfach heißen, dass die Kliniken, die sich am NetLog-Projekt beteiligen, sich generell bewusster und eingehender mit dem Logistikprozess und damit auch mit dem Einkauf befassen.

Welche technischen Voraussetzungen gibt es für die beteiligten Häuser?

Zu Beginn des Projekts um die Jahrtausendwende hatte jedes einzelne Haus sehr wenig EDV-Unterstützung. Eine weitgehende Digitalisierung ist nicht Voraussetzung für unser Projekt, vereinfacht die Sache aber. Wir haben bereits im Jahr 2000 das Thema Digitalisierung der Prozesse in der Warenwirtschaft auf den Weg gebracht und waren der Branche weit voraus. Wir haben eine Datenbank schaffen müssen, die für Krankenhäuser nutzbar ist. Auch Schnittstellen mussten geschaffen werden. Jede Klinik musste aber auch erst einmal seine Lagerbestände und Warendurchläufe erfassen. Viele haben auf diese Weise gemerkt, dass selbst im Haus nicht die gleichen Artikel für die gleichen Zwecke genutzt werden. Hier ist Vereinheitlichung gefragt, damit das System funktionieren kann. Wir haben in unserer Klinik Auf der Bult beispielsweise die Zahl der bestellten Artikel von rund 5 000 auf 1 700 reduziert. Artikel, die nicht so häufig gebraucht werden, werden nur noch an einer Stelle im Haus gelagert, nicht auf jeder Station.

Welche Klinik profitiert am meisten: Maximalversorger oder kleinere Häuser?

Am meisten profitieren Häuser, die eine teure In-house-Logistik haben. Auch wer Räumlichkeiten als Lager nutzen muss, die er für Patienten nutzen könnte, profitiert erheblich.

Für uns als kleines Haus mit 270 Betten hat das Projekt am Anfang mehr gekostet als an Kosten für die Lagerung eingespart werden konnte. Es hat sich trotzdem gelohnt. Die ganze Prozesskette im Haus wurde beeinflusst. Der Zwang, Einkaufsinformation an einem Punkt zu übergeben, zwingt auch, die gesamte Prozesskette zu optimieren.

Wir profitieren im Windschatten der großen Kliniken vielleicht auch etwas mehr von dem Projekt. Unsere Motivation war entsprechend hoch. Die Medizinische Hochschule Hannover hat sich erst angeschlossen, als ihre Lagerkapazitäten aus Gründen des Brandschutzes infrage standen. So sprechen auch bautechnische Gründe für das NetLog-Projekt: Man muss keine Lager neu errichten, wenn das „alte“ Lager nicht mehr nutzbar ist.

Gibt es Synergie-Effekte in Bezug auf den Einkauf?

Die Hoffnung war, dass sich aus dem Projekt irgendwann ein gemeinsamer strategischer Einkauf entwickelt, denn wir als kleine Klinik haben kaum Verhandlungsmacht gegenüber großen Medikalprodukte-Anbietern. Das ist nicht geschehen. Jedes Haus gehört nun zu einer jeweils anderen Einkaufsgemeinschaft.

Im Rahmen unseres Projekts entstand das größte Logistik-Zentrum für Medikalprodukte in Deutschland. Immer mehr von den großem Lieferanten haben ihr Regionallager in Hannover Linden, in Nachbarschaft zum Logistikzentrum, aufgebaut. Und über „NetLog“ befinden sich 80 % der Artikel in einem Konsiliarlager: Die Ware gehört dem Lieferanten, bis die Ware zu uns kommt. Die Lagerkosten liegen also beim Lieferanten.

Eignet sich das Projekt der Bündelung der Belieferung auch für ländliche Regionen oder vor allem für urbane Zentren?

Eine gewisse Nähe der Kliniken ist schon Voraussetzung, um den Lieferverkehr sinnvoll mit den damit verbundenen Einsparungen zu bündelt. Für unser Projekt hätte sich eine Beteiligung bis zu einer Grenze von 100 Kilometern im Umkreis von Hannover auf jeden Fall gelohnt.

Gibt es negative Auswirkungen für die Beteiligten, die in Kauf genommen werden müssen?

Nein, mir sind keinerlei negative Aspekte des Projekts bekannt.

Was passiert, wenn die ganze digitale Infrastruktur von „NetLog“ ausfällt?

Wir haben ja auch für die Patientenversorgung einen „Papiernotfallkoffer“, falls die EDV-Systeme ausfallen. Einen Notfallplan gibt es natürlich auch für die Logistik. Wenn es sein muss, können wir auch mit Bestellscheinen arbeiten.

Welches Fazit ergibt sich für das Projekt?

Das Fazit ist durchweg positiv. Für die beteiligten Kliniken war dieses Projekt in jeder Hinsicht ein riesiger Schritt nach vorne. Es wurden alle Ziele, die wir uns im Rahmen des Expo-Projekts gesetzt haben, erreicht. Das Projekt kann zudem als erfolgreiches Beispiel für ökologische und ökonomische City-Logistik auch für andere Branchen gelten. Wieviel Transportstrecke, Kraftstoff und Emissionen ließen sich zum Beispiel sparen, wenn sich die Paketliefer-Dienste auf ein ähnliches System verständigen würden!

Unser Projekt zeigt: Es gilt, das „NIH-Syndrom“ zu überwinden. „Not invented here“: Viele Unternehmen denken immer noch, sie allein könnten alles am besten und am billigsten. Diese Einstellung ist immer noch sehr verbreitet. Aber sie ist falsch.