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Im Gespräch: Compliance

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Im Gespräch: Compliance

Im Gespräch

mit Marc Deffland, Leitung Geschäftsbereich Corporate Governance, Charité Universitätsmedizin Berlin

Herr Deffland, Sie leiten den Geschäftsbereich Corporate Governance – Compliance an der Charité. Welche Themen beschäftigen Sie im Bereich Compliance aktuell?

Vor 10 Jahren war diese Frage relativ einfach zu beantworten. Damals konnte Compliance im Krankenhaus mit Korruptionsprävention gleichgesetzt werden: Fast alles drehte sich um die Zusammenarbeit mit der Industrie. Dieses Thema hat durch die neuen Strafrechtsparagrafen vor Kurzem eine Renaissance erfahren. Das ist mittlerweile nur noch ein Teil von dem, was Compliance heute bedeutet. In den letzten Jahren kamen viele Themen dazu, beispielsweise Abrechnungsbetrug, Organspenden, Datenschutz und Informationssicherheit. Die Regeln werden komplexer, Krankenkassen und Ermittlungsbehörden werden professioneller und die Sensibilität für Fehlverhalten bei Patienten nimmt zu. Entsprechend potenzieren sich die Themen. Um dem gerecht zu werden, haben wir in diesem Jahr das klinische Qualitätsmanagement, das kaufmännische Controlling und Compliance in einer gemeinsamen Risikomanagement-Datenbank weiter integriert. Weiterhin beschäftigen wir uns aktuell mit der Optimierung von bestehenden Compliance-Systemen, beispielsweise im Bereich des Steuerrechts. Insgesamt liegt unser Schwerpunkt heute jedoch nicht mehr in einzelnen Themen, sondern in der Optimierung und Standardisierung von Prozessen. Hierbei stehen neben der Wirtschaftlichkeit auch Compliance-Risiken und deren begegnenden Maßnahmen im Mittelpunkt. Es geht nicht um den Einzelfall, sondern vielmehr um die diesen begünstigenden Rahmenbedingungen. Das ist der Punkt, an dem Compliance ansetzen muss.

Bundesjustizministerin Lambrecht hat ein neues „Unternehmensstrafrecht“ angestoßen. Stehen mit den möglichen Sanktionen Unternehmen wie auch Kliniken nun stärker unter Druck?

Es wird spannend, wie sich dieses Thema entwickelt. Bereits einen Monat nach der ersten Vorlage wurde die Todesstrafe für Unternehmen bereits „herausverhandelt“: Zunächst waren nämlich auch Sanktionen bis hin zur Unternehmensauflösung geplant. Aber wie auch immer es weitergeht, auch Kliniken stehen durch den sehr wahrscheinlich viel höheren Bußgeldrahmen und die angedachten öffentlichen Bekanntmachungen unter Druck. Damit haben sie aber auch einige gute Argumente für die Verbesserung ihrer Compliance-Systeme.

Wie steuern Sie das Thema für die einzelnen Standorte? In welchem Bereich existieren die größten Compliance-Risiken?

Bei der Größe der Charité mit vier Standorten, 17 Centren und über 100 Kliniken sowie einigen Tochtergesellschaften ist eine dezentrale Koordinierung der Compliance-Themen notwendig. Wir haben daher in zahlreichen Einheiten Führungskräfte mit der Compliance-Koordination betraut. Im Hinblick auf die Risiken ist zu sagen, dass wir den Begriff Compliance zunehmend von einzelnen Rechtsgebieten lösen. Die Aufklärungsergebnisse um den Skandal eines Automobilherstellers haben uns diesbezüglich die „Augen geöffnet“. Dort haben Beschäftigte angegeben, dass sie unter Compliance ausschließlich Korruptionsprävention und nicht etwa auch andere wichtige Themen wie Umweltvorgaben in Verbindung gebracht haben.

In der Literatur werden Risiko-Audits und auch Compliance-Management-Systeme empfohlen – wie können Sie präventiv tätig werden?

Ich würde so weit gehen, dass ich hier nicht nur von Empfehlungen sprechen würde. Die Urteile, Erlasse und Diskussionen der letzten Jahre sowie das zuvor kurz angesprochene Unternehmensstrafrecht sind ein starkes Indiz für eine Quasi-Pflicht. Hieraus resultiert die Notwendigkeit, dem Thema mit System zu begegnen – jedoch auch auf der richtigen Flughöhe. Es muss nicht in jedem Krankenhaus eine formelle Compliance-Organisation geben. Wichtig ist jedoch, dass die Häuser sich Gedanken zu ihren wesentlichen Risiken machen und den Maßnahmen, die diesen begegnen. Weiterhin ist es wichtig, dass das Management Compliance-Werte vorlebt und eine offene Kultur das Unternehmen prägt.

Die Charité hat – wie auch andere Kliniken – eine Whistleblower-Hotline eingeführt. Erleichtert die Anonymität das Melden? Mit welchen Themen wird die externe Stelle dabei konfrontiert?

Ja, es erleichtert das Melden und das wiederum ist Fluch und Segen. Positiv ist, dass einige Menschen erst durch ein derartiges Angebot bereit zur Meldung sind. Negativ ist, dass die Anonymität vereinzelt auch Denunziationen erleichtern kann. Die über unsere anonymen Meldekanäle eingehenden Themen reichen vom Verstoß gegen das Rauchverbot über Eingruppierungen und medizinische Themen bis hin zu Auftragsvergaben. Es ist zusammenfassend also ein Blumenstrauß an Themen. Viel spannender als die Themen sind jedoch die Ergebnisse. Die relevantesten Compliance-Themen haben wir bisher eher über unsere offene Beratungshotline erhalten. Und dort nicht in Form von Hinweisen auf Verstöße, sondern durch Beratungsanfragen, die spannende Fragen zu bestehenden Prozessen offenbart haben. Nichtsdestotrotz sind anonyme Whistleblower-Systeme ein wichtiges Angebot zur Identifikation von wesentlichem Fehlverhalten. Daher nutzen wir neben einer Whistleblower-Hotline – wahrgenommen durch eine Vertrauensanwältin und einen Vertrauensanwalt – zusätzlich eine Whistleblower-Online-Plattform. Wichtig ist es uns – unabhängig von der tatsächlichen Inanspruchnahme - jedem potenziellem Hinweisgeber einen adäquaten Kanal anzubieten. Den Airbag im Auto benötigen wir glücklicherweise auch nicht täglich, möchten jedoch auch nicht darauf verzichten.