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Editorial: Doppelte Facharztschiene auf Kurs Endstation

Geradezu unaufhaltsam stiegen seit 2005 die stationären Behandlungsfälle. 2017 wurde der Trend gebrochen. Die Zahl der stationär behandelten Patienten in den Krankenhäusern ging zurück. Zumindest Stagnation scheint sich fortzusetzen. Angesichts der demografischen Entwicklung ist nicht davon auszugehen, dass der morbiditätsbedingte Behandlungsbedarf nun rückläufig ist. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass stationäre Leistungen vermehrt ambulant erbracht werden bzw. nicht zuletzt auch aus Personalnot in der Pflege ambulant erbracht werden müssen.

Die Ambulantisierung der Medizin wird sich fortsetzen. Sie wäre in den letzten Jahren sogar deutlich spürbarer gewesen, wenn wir die ambulant-stationäre Sektorenbarriere nicht hätten. Das soll ausweislich des Koalitionsvertrages anders werden.

Abgeschottet von der Öffentlichkeit finden dazu Beratungen in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe statt. Von dort ist ein Entwurf für ein Eckpunktepapier zur sektorenübergreifenden Versorgung in die Öffentlichkeit gelangt. Es ist aus Krankenhaussicht eine sehr konstruktive Grundlage. Im Mittelpunkt steht die Orientierung am Bedarf der Patienten. Zu begrüßen ist, dass die Konzeption die Krankenhäuser als die zentralen Anlaufstätten der flächendeckenden medizinischen Versorgung in den Mittelpunkt stellt. Als Kerngedanke einer guten und funktionierenden sektorenübergreifenden Versorgung sollen die Möglichkeiten der Krankenhäuser zur Teilnahme an der ambulanten Versorgung erweitert und verstetigt werden. Das soll nicht nur dann gelten, wenn die niedergelassenen Ärzte die Versorgung nicht oder nicht mehr sicherstellen können. Vielmehr soll ein neuer gemeinsamer fachärztlicher Versorgungsbereich geschaffen werden. Auf der Grundlage einheitlicher Rahmenbedingungen und einheitlicher Behandlungsleitlinien sollen niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser ambulante fachärztliche Leistungen erbringen können. Sie sollen von Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten gleichberechtigt erbracht werden können. In einem solchen Spektrum ist die Vorgabe einheitlicher Vergütungen auch akzeptabel. Sie muss selbstverständlich kostendeckend sein. Das wäre deutlich mehr als eine Ausweitung des Leistungsspektrums der ambulanten spezialärztlichen Versorgung oder des ambulanten Operierens. Es könnte der Anfang vom Ende der doppelten Facharztschiene sein.

Die Autoren des Konzepts sprechen von Krankenhäusern als ambulant-stationäre Gesundheitszentren. Das sind Sicherstellungskrankenhäuser, deren stationäres Leistungsspektrum zwingend gebraucht wird, die aber aufgrund der begrenzten Fallzahlen systembedingt nur defizitär arbeiten können. Diese Krankenhäuser können gesichert werden, wenn sie ihre medizinische Kompetenz ambulant und stationär einbringen können.

Das Konzept hebt sich damit wohltuend von den Vorstellungen der KBV ab, die die Schließung solcher Krankenhäuser und Beobachtungsbetten in KV-Praxen vorsieht. Die Vorstellung einer niederschwelligen stationären Betreuung im Nebenbetrieb einer Praxis ist geradezu abenteuerlich. Noch krasser daneben liegen die in dem von der KBV beauftragten Gutachten erwarteten Vergütungssätze für das ausgedünnte pseudo-stationäre Leistungsspektrum; weit höher als geriatrische Krankenhäuser für die stationäre Vollversorgung erhalten.

Gut, dass die nunmehr vom G-BA neu gefassten Bedarfsplanungsrichtlinien erweiterte Optionen für die Einbeziehung der Krankenhäuser in die ambulante Versorgung vorsehen. Auch gut, dass über den Innnovationsfonds weiter entlimitierte  Berechtigungen zur ambulanten Leistungserbringung von Krankenhäusern in die Live-Erprobung gegangen sind. Das alles reicht aber noch nicht. Für einen stringenten Aufbruch zum Abbruch der Sektorenbarrieren braucht es einen mutigen Gesetzgeber. Fortbestehende Hindernisse des Bedarfsplanungs und ambulanten Vergütungssystems müssen konsequent beseitigt werden.

Bleibt zu wünschen, dass auch für dieses Projekt aus dem Koalitionsvertrag noch genügend Zeit und Gestaltungswille in der großen Koalition vorhanden ist. Das Verkämpfungspotenzial scheint derzeit allerdings sehr groß.

DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum