14. Personalkongress der Krankenhäuser 2018

Quelle/Bild: maximmmmum

  Das Thema Personalsicherung, vor allem aber die Diskussion um Maßnahmen des Gesetzgebers wie etwa Personaluntergrenzen, zog sich als „Roter Faden“ durch die Vorträge und Gespräche des 14. Personalkongresses 2018 mit mehr als 300 Teilnehmern in Potsdam. Thomas Bublitz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Privatkliniken e. V. (BDPK), der den Kongress moderierte, konstatierte, es herrsche große Unzufriedenheit und das Gefühl mangelnder Wertschätzung unter Pflegenden. Auch dies trage zu dem eklatanten Mangel an Pflegekräften bei. Die Bundesregierung zeige mit dem Pflegepersonalstärkungsgesetz, dass sie das Problem sieht, und versucht zu steuern.

Dem Mangel begegnen: Maßnahmen der Politik

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß, erläuterte die politische Perspektive der Krankenhausversorgung. Er skizzierte die Auseinandersetzungen im Rahmen der Selbstverwaltung und die Hintergründe der Ersatzvornahme zu Pflegepersonaluntergrenzen in pflegesensitiven Bereichen der Krankenhäuser durch das Bundesgesundheitsministerium. Die DKG vertrete die Interessen aller Krankenhäuser, über alle Träger hinweg. „Politische Wirksamkeit steht und fällt mit der Unterstützung der Mitglieder“, so der DKG-Präsident. Die DKG sei ein aktiver und konstruktiver Partner der Selbstverwaltung Aufwendige und auch kontroverse Konsensbildung sei notwendig. „Aber es gibt Grenzen der Kompromissfähigkeit, aktuell zum Thema Personaluntergrenzen und auch zur Zukunft der Notfallversorgung.“

DKG-Präsident Dr. Gerald Gaß: „Um dem Mangel an Personal und an Nachwuchskräften in der Pflege zu begegnen, brauchen wir einen Kulturwandel im Gesundheitswesen.“

In der Politik sei ein „ungezügelter Aktionismus“ wahrzunehmen, der zu einer unüberschaubaren Zahl an Regulierungen, Gremien und Aufgaben für die Selbstverwaltung führte. Gleichzeitig betrieben Bund und Länder seit über 15 Jahren „eine Politik des Gegeneinander“ zulasten der Krankenhäuser.

Den Krankenkassen als Selbstverwaltungspartner warf der DKG-Präsident vor, das Ziel der Strukturbereinigung der Krankenhauslandschaft zu verfolgen und diesem alles unterzuordnen – „auch die Versorgungsverantwortung für die Versicherten“. Zu dieser Strategie gehörten uferlose Rechnungsprüfungen des MDK, Strukturvorgaben ohne Bezug zur Ergebnisqualität, Verweigerung von Korrekturmechanismen zur Weiterentwicklung des DRG-Systems sowie maßlose Dokumentationsanforderungen, die wiederum genutzt würden als Einfallstor für MDK-Prüfungen. Gaß warf den Krankenkassen vor, mit einer „Zermürbungstaktik“ den Strukturwandel durch Schwächung erreichen zu wollen. „Die Leidtragenden sind die Versicherten, die Patienten und die Beschäftigten in den Kliniken“, unterstrich der DKG-Präsident.

Gaß stellte die aktuellen Pflegepersonalstärkungsmaßnahmen vor und zeigte: Die versprochenen Verbesserungen werden fast nur aus den Kürzungen bzw. der Streichung des Pflegezuschlags in Höhe von 500 Mio. € zulasten aller Krankenhäuser finanziert: „So kann Personalstärkung nicht funktionieren!“

Die Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus den DRG‘s sei eine „kleine Revolution mit ungewissem Ausgang“, so Gaß weiter. In Bezug auf das Pflegebudget zur krankenhausindividuellen Kostenerstattung der Pflegepersonalkosten erläuterte Gaß die Forderungen der DKG: tagesgleiche Pflegesätze statt der Ableitung des Pflegeaufwands aus der DRG-Kalkulation. Pflegeentlastende Maßnahmen der Vergangenheit müssen berücksichtigt werden können. Zudem fordern die Krankenhäuser die Einführung einer Konvergenzphase mit Kappungsgrenzen, um vor existenzbedrohlicher Budgetabsenkung abzusichern. Eine zentrale Frage sei, wie sich personalschonende Prozessinnovationen und der hausindividuelle Skill-Mix in bundesweiten Vorgaben abbilden lassen.

„Um dem Mangel an Personal und an Nachwuchskräften in der Pflege zu begegnen, brauchen wir einen Kulturwandel im Gesundheitswesen“, sagte der DKG-Präsident. So müsse vor allem die Misstrauenskultur gegenüber den Krankenhäusern beendet werden. „Sie demotiviert unsere Mitarbeiter und sorgt für ein unattraktives berufliches Umfeld.“

Den Umsetzungsstand in Sachen Pflegepersonaluntergrenzen und die Perspektive der Krankenhäuser erläuterte im Anschluss Peer Köpf, stellvertretender Geschäftsführer des Dezernates I der DKG (siehe Beitrag „Peer Köpf, Bernd Metzinger: Pflegepersonaluntergrenzen, ab Seite 1000). Sein Fazit: Eine Umsetzung der Pflegepersonaluntergrenzen, insbesondere für Intensivmedizin, ist nicht möglich ohne erhebliche Einschränkung der Intensivbehandlungskapazitäten. Zudem sind massive Investitionen in Softwarelösungen (Personal-/Dienstplanungsprogramme, Schnittstellen zum KIS) notwendig. Und durch die Ausgliederung des Pflegebudgets aus dem DRG, einem weitreichenden Paradigmenwechsel, mache es künftig ökonomisch keinen Sinn mehr, an Personal zu sparen. So seien Pflegepersonaluntergrenzen eigentlich schon überholt.

Prof. Dr. Dr. h. c. Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V., spannte den Bogen weiter und referierte zur „Entwicklung der Weltwirtschaft unter Berücksichtigung von Deutschland und Europa“. Seine Prognose fällt äußerst düster aus: Mit der aktuellen Entwicklung in Italien komme die größte Krise, die die Eurozone bisher erlebt hat, auf uns zu. Für 2020 erwartet Fuest eine Rezession auch in USA, wenn das Strohfeuer des Wachstums durch Trumps Wirtschaftspolitik vorbei sei.

Fuest widerlegte das oft bemühte Narrativ vom Exportüberschuss der EU oder speziell Deutschland gegenüber den USA. Beziehe man nicht nur Güter, sondern auch Dienstleistungen und Primäreinkommen in die Rechnung ein, ergebe sich in 2017 ein deutlicher Leistungsbilanzüberschuss der USA gegenüber der EU.

Die gute Konjunktur sollte kein Anlass für Selbstzufriedenheit und Reformverweigerung sein, mahnte Fuest. Trotz gesunden Wachstums und stetiger Entwicklung in Deutschland konstatierter eine wachsende Unsicherheit der Akteure der deutschen Wirtschaft. „Das ist ein Warnsignal, das wir ernst nehmen müssen“, warnte Fuest. Verheerende Wirkung auf die Wirtschaft in Europa könne auch der Brexit haben. Deutschland sollte sich, so das Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen, für freien internationalen Handel engagieren und das Scheitern der Brexit-Verhandlungen verhindern. Deutschland sollte in der EU Initiativen vorantreiben, die „europäischen Mehrwert“ schaffen, etwa eine gemeinsame Migrationspolitik, Sicherheitspolitik, europäische Netze und Forschungsinitiativen, und sich für „eine Reform der Eurozone im Sinne eines Junktims zwischen mehr Risikoteilung und mehr Marktdisziplin“ einsetzen.

Wieviel Gestaltungsspielraum bleibt dem Pflegemanagement?

„Jammern hilft nicht, wir müssen uns davon lösen“, empfahl Martina Henke in Bezug auf den Personalmangel. Die Leiterin des Konzernbereichs „Unternehmensstrategie Pflege“ der Sana Kliniken AG, sieht Chancen für das Pflegemanagement. Sie skizzierte Maßnahmen ihres Hauses, die Arbeitgeberattraktivität zu steigern und das Image der Pflege zu verbessern.

Wieviel Gestaltungsspielraum bleibt dem Pflegemanagement?

„Jammern hilft nicht, wir müssen uns davon lösen“, empfahl Martina Henke in Bezug auf den Personalmangel. Die Leiterin des Konzernbereichs „Unternehmensstrategie Pflege“ der Sana Kliniken AG, sieht Chancen für das Pflegemanagement. Sie skizzierte Maßnahmen ihres Hauses, die Arbeitgeberattraktivität zu steigern und das Image der Pflege zu verbessern.

Dazu gehören Angebote von horizontalen und vertikalen Karrieremöglichkeiten und Investition in Ausbildung und Prüfung von förderungsfähigen Maßnahmen PpSG, u.a. für den Theorie-Praxis-Transfer. Auch sollten lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle stärker berücksichtigt werden, Dienstpläne familienfreundlich gestaltet sein. Mit dem Ausbau von Führungs- und Steuerungsinstrumenten, wie etwa dem Stationscockpit, habe man gute Erfahrungen gemacht. Durch Prozessoptimierung könne das Pflegepersonal in der Patientenversorgung entlastet werden. Henke empfahl zudem den beschleunigten Einsatz digitaler Unterstützungssysteme zur interprofessionellen Nutzung für eine strukturelle Verbesserung der stationären Versorgung.

Mitarbeiter finden und binden

Unter dem verheißungsvollen Motto „Personalmanagement leicht gemacht“ schilderte Jörg Wegener, Geschäftsführer des St. Franziskus-Hospitals in Köln, seine Erfahrungen aus der Praxis.

Er sieht Möglichkeiten zur Problemlösung in der Steigerung des betriebswirtschaftlichen Potenzials, im Einsatz von externen Personalreserven, in der vorausschauenden Einsatzplanung zur Sicherung von Qualität und Kontinuität und in der Integration von externen Ärzten und Pflegekräften in den Klinikbetrieb. Wegener scheut auch ungewöhnliche Maßnahmen im Personalmanagement nicht: So wird mit 200 € belohnt, wer beispielsweise freiwillig für einen erkrankten Kollegen einspringt. „Geht nicht, gibt‘s nicht!“ ist seine Maxime. Dazu gehört auch die Kapazitätsanpassung in belegungsschwächeren Zeiten, wenn etwa Betten über Weihnachten geschlossen werden. Sein Fazit: Personalmanagement ist auch in schwierigen Zeiten lösbar.

„Bezahlung ist nicht alles – Mitarbeiter wollen mehr“ sagt Richard Kreutzer, Geschäftsführer der kommunalen Lahn-Dill-Kliniken. Vor allem in Bezug auf die Work-Life-Balance und auf Arbeitszeiten erwarteten Mitarbeiter heute mehr Flexibilität vom Arbeitgeber.

Christian Twardy, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Leiter des Referats Tarifpolitik des Marburger Bund Bundesverbands, warnte, die zunehmende Arbeitsverdichtung gefährde die Gesundheit der Arbeitnehmer, Pflegenden wie Ärzten. Er sehe zudem einen massiven Verlust an Attraktivität der beruflichen Tätigkeit im Krankenhaus.

Die Politik habe den Personalmangel in der Pflege als Problem erkannt. Doch auch an Ärzten herrsche Mangel. Die Beschränkung auf einzelne Funktionsgruppe sei nicht sachgerecht. Twardy sieht die Ausgliederung der Personalkosten Pflege aus dem DRG-System eher positiv, forderte aber die Finanzierung sämtlicher Personalkosten außerhalb des DRG-Systems.

Vorgaben zu Pflegepersonaluntergrenzen seien kein Lösungsansatz für arbeitsmarktliche Verbesserungen, so Twardy, die Beschränkung auf pflegesensitive Bereiche sei keine nachhaltige Lösung. Er sieht hier die Gefahr der Verschiebung von Personal zulasten nicht privilegierter Abteilungen. „Pflegepersonaluntergrenzen: Das reicht nicht!“, sagte Grit Genster, Bereichsleiterin Gesundheitspolitik beim ver.di-Bundesvorstand. Die Gewerkschafterin fordert eine weiterentwickelte Pflegepersonal-Regelung – „PPR 2.0“.

Wissenswertes aus der aktuellen Rechtsprechung stand am zweiten Tag des Personalkongresses auf dem Programm. Nach einem Update Sozialversicherungsrecht von Dr. Christina Schön gab Dr. Sebastian Ulbrich, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der PwC Legal AG, einen Überblick über Neuregelungen zu Arbeitnehmerüberlassung, Befristung und Teilzeit und die Auswirkungen auf die Flexibilität im Personalmanagement. Zur aktuellen Rechtsprechung im Arbeitsrecht und was die Praxis aus ihr lernen kann, referierte Prof. Dr. Gregor Thüsing, Direktor des Instituts für Arbeitsrecht und Recht der Sozialen Sicherheit, Universität Bonn.

Rainer Flechtner, 1. stellvertretender Vorsitzender des Personalrats, und Ralf Klose, Kaufmännischer Direktor des LVR- HPH-Netz Niederrhein, zeigten, wie das Netzwerk für Heilpädagogischen Hilfen im LVR Mitarbeiter findet und bindet. Sie stellten u. a. das Projekt „Mitarbeitende werben Mitarbeitende“ vor, mit dem das LVR- HPH-Netz Niederrhein über ein Prämiensystem erfolgreich mehr Bewerbungen in der Pflege rekrutierte. Die Bewerber seien zudem deutlich besser über die Einrichtung informiert. Das seit 2016 laufende Programm soll fortgesetzt werden.

Neue Entwicklungen zur betrieblichen Altersvorsorge skizzierte wie gewohnt Hubertus Mund, Vorstand im Fachverband für betriebliche Versorgungswerke e. V. und Geschäftsführer des Versorgungswerkes KlinikRente.

Auch die Digitalisierung ist in Bezug auf die Betriebliche Altersvorsorge ein Thema. Mund stellte eine Portallösung bei KlinikRente vor, die bis Mitte 2019 verwirklicht werden soll: ein zentraler Ort für alle Informationen mit Zugriff für Sachbearbeiter, Beschäftigte und Vertragsbetreuer. „KlinikRente verfolgt weiterhin die Mission, dass jeder im Gesundheitswesen seine Möglichkeiten zur finanziellen Vorsorge kennt, versteht und nutzt“, so Hubertus Mund abschließend.

Der 15. Personalkongress der Krankenhäuser wird am 7. und 8. Oktober 2019 in Stuttgart stattfinden.

Katrin Rüter

 

 

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